Gondo-Running 09.08.2026
Anfang August steht wie jedes Jahr der Gondo-Marathon im Laufkalender. Die Veranstaltung konkurriert mit den anderen bekannten Traillaufveranstaltungen im Wallis, dem Sierre-Zinal (das sind 31 km und 1800 Höhenmeter eben von Sierre nach Zinal) und dem Swiss Alps, der mit diversen Laufstrecken bis hin zu 160 km und 10.000 Höhenmetern auf der anderen Seite des Rhonetals aufwartet.
Gondo ist allerdings der familiärste Lauf mit ganz vielen Wiederholungstätern, die meisten kennen wir ganz gut, treffen wir sie doch in jedem Jahr hier. Der kleine Grenzort Gondo hat im Oktober 2000 traurige Bekanntheit erlangt, als nach tagelangen heftigen Regenfällen eine gewaltige Schlamm- und Gerölllawine den halben Ort mitgerissen hat. 13 Menschen haben das Unglück nicht überlebt. Zwei Jahre später wurde nach langer Aufbauarbeit das Laufevent gestartet, um wieder etwas Leben in das Dorf zu bringen. Seitdem zieht es jedes Jahr eine Reihe treuer Trailläufer an, zu denen seit 2011 auch ich gehöre.
Im letzten Jahr war ich 6 Monate lang verletzt und durfte gar nicht laufen. Gondo fiel daher aus und Kerstin und ich wurden von allen schmerzlich vermisst. Seit der Verletzung ist es für mich wahnsinnig schwierig, wieder die Fitness aufzubauen. Der Doppelmarathon am Samstag und am Sonntag liegt außerhalb meiner derzeitigen Möglichkeiten und selbst beim Gondo-Running bin ich sehr unsicher, ob ich mir das zutrauen soll. Ich melde mich daher vorher nicht an und will es ganz kurzfristig entscheiden.
Der Plan ist also, beim ersten Marathon am Samstag nur als Zuschauer dabei zu sein und am Sonntag dann das Gondo-Running zu machen. Das ist auch nicht ganz ohne: wegen einer Sperrung des unteren Teils des Wanderwegs auf den Simplonpass wird die Strecke verändert (wie in den letzten beiden Jahren auch schon). Das ist für mich sehr attraktiv, bedeutet es doch, dass wir fast genau auf der Strecke des zweiten Marathons laufen werden, lediglich ein paar Anstiege lassen wir aus. Es bedeutet aber auch, dass die Strecke von 28 auf 32 km wächst, dafür sind mit 1100 Hm anstelle 1400 weniger Höhenmeter zu bewältigen.
Wir fahren also schon am Freitag nach Gondo und ich melde mich direkt zum Running an. Mit großem Hallo begrüßen wir alte Bekannte. Die Pastaparty verbringen wir mit Susi und Beat.
Am Samstagmorgen fahren wir dann wieder nach Gondo zum Start des ersten Marathons. Wir hören das Briefing von der Rennleiterin Brigitte und schauen beim Start zu.
Dann geht’s an die Brücke bei Kilometer 5, wo Kerstin sonst auch immer steht und jeden Läufer fotografiert. Diesmal bin ich eben Zuschauer. Neben den üblichen Verdächtigen Andreas, Beno, Susi, Bri, Esther und Dagmar ist diesmal auch ein Franzose dabei, der sich als römischer Legionär verkleidet hat und trotz der einsetzenden Hitze den gesamten Lauf in diesem Outfit bestreitet.
Gabi lassen wir aus und fahren stattdessen nach Simplon-Dorf, wo wir im Hotel an der Strecke erstmal schön frühstücken und die vorbeilaufenden Teilnehmer kräftig anfeuern.
Nachdem der „Besenwagen“ durch ist, geht’s weiter auf den Simplonpass. Hier bei Kilometer 18 ist die erste Cut-Zeit, aber alle kommen gut durch.
Martin läuft das Ganze tatsächlich barfuß. Unvorstellbar! Da die Strecke nun über den Bistinenpass und durch das Nanztal führt, können wir nicht mehr zuschauen und fahren direkt ins Ziel. Der Sieger ist schon im Ziel, er hat das Ganze in einer unglaublichen Zeit von 3:45:20 geschafft (es sind immerhin 2000 Hm!). Ein Läufer feiert heute seinen 60. Geburtstag und wird mit einem großen Transparent von seinen Begleitern empfangen.
Der Barfußläufer Martin kommt übrigens mit leichten Schuhen ins Ziel: der Asphalt auf den letzten 2,5 km war einfach viel zu heiß und hätte ihm die Haut von den Füßen gebraten.
Am Sonntag stehen wir wieder sehr früh auf. Unser Hotel in Brig bietet Frühstück ab 6:15 Uhr an und so schaffen wir es sogar, rechtzeitig zum Jagdstart des zweiten Marathons in Ried-Brig zu sein (mein Running-Start ist erst um 8:30).
Jagdstart heißt: der Erste vom Vortag startet um 7 Uhr und die weiteren Teilnehmer im jeweiligen Abstand ihres Rückstandes vom ersten Tag. Ab 7:30 dürfen dann alle verbliebenen Läufer gemeinsam starten. Damit wird sichergestellt, dass der erste, der ins Ziel kommt, auch wirklich der Erste der Gesamtwertung beider Tage ist.
Nach diesem Spektakel fahren wir zum Running-Start auf den Schallberg (diese 3 km mit 350 Hm spare ich mir schon mal).
Dort kommen vor unserem Start natürlich auch die ganzen Marathonläufer vorbei. Die ersten sind allerdings schon durch.
Am Schallberg gibt es eine Schreinerei, die kurzerhand zum Rennbüro umfunktioniert wurde. Ich treffe Josianne (wer meine früheren Berichte gelesen hat: das war eine von den „Goms-Zwillingen“), die diesmal auch das Running macht. Außer Heidi kenne ich ansonsten keinen der anderen Läufer. Der Van von Datasport kommt raufgefahren und verlegt die Messmatte für die Startlinie und pünktlich um 8:30 geht’s los.
Das Wetter ist großartig und im Moment noch angenehm kühl, zudem sind wir meistens im Wald unterwegs. Wir laufen zunächst auf dem wunderschönen Talweg Ganter, lassen aber die große Schleife zur alten Ganterbrücke aus. Dadurch gibt es einen kurzen Abschnitt bergauf durch den Wald, der nicht mit der Marathonstrecke übereinstimmt, aber bald treffen wir die letzten verbliebenen Marathonis und laufen ab jetzt für längere Zeit auf der gleichen Strecke.
Nach einem langen und beschwerlichen (aber sehr schönen) Aufstieg durch den Rothwald treffen wir wieder auf die Passstraße, wo Kerstin schon wartet und diverse Marathonis und Runningläufer begrüßt.
Am Vortag hatte ich Leander (Startnummer 306) kennengelernt, der auch schon sehr oft beim Doppelmarathon dabei war, vor einem Dreivierteljahr aber eine künstliche Hüfte bekommen hat und daher diesmal „nur“ das Running macht. Er marschiert die meiste Zeit (nur wenn es leicht bergab geht, läuft er ganz langsam), das aber so schnell, dass ich ihm nur folgen kann, wenn ich selber renne. Und er ist 6 Jahre älter als ich (und damit der älteste Teilnehmer).
Auf den ersten Parkplatz folgt der nächste in ein paar Hundert Meter Entfernung und dort ist auch die für uns erste Verpflegungsstelle (die am Schallberg kam für uns ja bereits nach 300 Metern). Der Weg neben der Straße ist mühsam, aber an der Verpflegungsstelle begrüßen mich wieder alte Bekannte: die freiwilligen Helfer, die uns hier verpflegen, sind auch jedes Jahr hier und freuen sich sehr, uns zu sehen.
Nach einer ausführlichen Versorgung (es gibt alles, was das Läuferherz begehrt), begebe ich mich auf einen längeren Downhill, der mich ins Tal der Taferna führt, dem Fluss, der vom Simplonpass runterkommt. Ich schaffe es durchzulaufen und hänge Leander damit etwas ab. Unten angekommen, geht es auf den mühseligen Aufstieg zum Simplonpass: 5 km und 500 Hm müssen bewältigt werden.
An der Brücke über die Taferna holt mich Leander wieder ein. Unglaublich, wie schnell der Mann marschiert! Als die Galerien der Passstraße bereits in Sicht kommen und damit das Ende des Aufstiegs langsam näher rückt, muss Leander aber den Anstrengungen auch Tribut zollen (wie gesagt, er ist 6 Jahre älter als ich und sieht auch nicht fitter aus) und mich ziehen lassen. Bis zur Simplon Passhöhe sehe ich ihn nicht mehr.
Auf der Passhöhe begrüßt Kerstin wieder viele bekannte Gesichter und bekommt ab hier Gesellschaft im Auto: Sibylle, die den gestrigen Marathon noch sehr gut bewältigt hatte, geht es nicht gut und sie bricht ihren Lauf hier ab.
Mir geht es einigermaßen gut und ich versorge mich wieder sehr ausführlich. Unter den Augen des steinernen Adlers, den hier mal Soldaten im zweiten Weltkrieg errichtet haben, trabe ich weiter, verlege mich aber erst mal aufs Gehen.
Die Strecke, die jetzt kommt, liebe ich. Es geht wenig steil auf tollen Trails immer leicht bergab und das meiste davon ist im Laufschritt zu bewältigen, auch wenn ich immer wieder mal ein Stück gehen muss, denn so langsam geht mir die Puste aus. Bis zum Simplonpass waren es 14 km, 18 km kommen noch, aber ich habe bereits fast alle Höhenmeter geschafft (1000 Hm bis hier, es kommen nur noch etwa 100 dazu). Zwischendrin am „Alten Spittel“ warten Kerstin und Sibylle auf mich.
Es geht weiter runter bis nach Simplon-Dorf. Hinter Engeloch gibt es eine Party unter einem großen Zelt, an der ich direkt vorbeilaufe. Ein Aperol Spritz wäre jetzt auch nicht schlecht. Die Erfrischung am Brunnen in Simplon-Dorf tut’s aber auch.
Als ich an der Versorgungsstelle wieder starte, kommt gerade Leander angelaufen. Unglaublich! Hat er mich schon wieder eingeholt.
Und auf der weiteren Strecke Richtung Gabi auch bald überholt.
Die Marathonläufer müssen hier noch 12 km bis ins Ziel laufen, davon haben 3 km einen Höhenanstieg von 700 Hm auf das Furggu. Wir können uns das Gottlob sparen. Für uns sind es 7 km durch die spektakuläre Gondoschlucht tendenziell bergab.
Ich laufe mit Leander los (d.h. ich renne, er marschiert), aber sehr schnell merke ich, dass ich ihm nicht mehr folgen kann. Wir sind jetzt 5:09 Stunden unterwegs und ich rechne mit einer Gesamtzeit von 6 Stunden, aber Leander sagt schon, dass die 6 Stunden wohl nicht zu schaffen sind. Er kennt die Strecke eben besser. Es geht erstaunlich oft bergauf und auch die Bergabpassagen sind außergewöhnlich schwer zu laufen.
Ich bin fix und fertig und kann fast nur noch gehen, zumal jetzt mein rechtes Knie immer stärker schmerzt. Der Weg ist wirklich großartig mit vielen Stahlrampen und -treppen, die immer wieder mal die Schlucht mit der darunter donnernden Doveria überqueren oder auf das Dach der Autogalerien führen (es gibt auf der Passstraße ganz viele Galerien, damit die Straße auch im Winter befahrbar bleibt.
Direkt vor dem Gondo-Fort, einem Festungstunnel aus dem zweiten Weltkrieg, durch den wir durchlaufen, ist dann die letzte Versorgungsstelle (noch 3 km) und ich höre erstaunt, dass ich noch lange nicht der Letzte bin. Im Tunnel stoße ich mir den Kopf heftig an einem hervorstehenden Absperrhahn direkt auf Kopfhöhe. Aua! Das hat weh getan!
Hinter dem Tunnel, an dessen Ausgang ein Kanonengeschütz montiert ist, geht es über eine letzte Stahltreppe hinunter auf eine Steinwüste, die nochmal sehr schwer zu gehen ist (von laufen ganz abgesehen). Mein Knie schmerzt mittlerweile sehr stark und nur meine Stecken retten mich hier.
In der Zwischenzeit beobachtet Kerstin die Kinderläufe im Zielbereich. Die Kinder geben alles und sind nach 800 Metern ziemlich erschöpft.
Ich komme dann endlich nach 6:30:20 auch ins Ziel und brauch nichts mehr.
Leander hat mir noch 15 Minuten abgenommen und ist ganz überrascht, dass ich „so lange“ gebraucht hab.
Erst mal ausruhen. Natürlich kommen jetzt noch ganz viele Marathonläufer ins Ziel, die ja einen wesentlich anstrengenderen Weg gehabt haben. Die schnellen Läufer wie Andreas sind aber längst im Ziel (und er auch schon geduscht).
Edgar, der Mann von Dagmar gibt mir ein Bier aus. Seine Dagmar kommt dann später auch ins Ziel. Gerade rechtzeitig zur Siegerehrung, denn sie ist die einzige ihrer Altersklasse und darf wieder einen großen Laib Käse mit nach Hause nehmen (genauso wie Bri, die heute zum letzten Mal in einer eigenen Altersklasse läuft – nächstes Jahr kann sie sich dann mit Dagmar um den Sieg streiten).
Als einer der letzten Marathonis kommt der Barfußläufer Martin ins Ziel. Seine Füße sehen entsprechend aus. Ich kann da aber mithalten, auch wenn ich Schuhe und Calvs trage.
Der Sieger vom ersten Tag ist auch der Sieger am zweiten Tag. Allerdings hat er am zweiten Tag mit 4:45 eine Stunde länger gebraucht als am ersten Tag und wird damit Gesamtsieger in einer Zeit von 8:30:21. Der Zweitplatzierte (und Vorjahressieger) Hannes ist den zweiten Marathon sogar 1 Minute schneller gelaufen, hatte aber vom ersten Tag einen Rückstand von 20 Minuten. Wie gut, dass es einen Jagdstart gab! Unter 8 Stunden insgesamt haben es erst zwei Läufer in der Geschichte des Gondo-Marathons geschafft.
Ich komme mit meiner Running-Zeit von 6:30:20 auf den 49. Platz von 52 Männern (bei den Frauen waren nur 2 langsamer als ich. Die Siegerzeit von 2:39:10 für diese Strecke ist für mich kaum zu fassen.
Nach einer ruhigen Nacht im Stockalperturm (und einer Schmerztablette) geht es auch meinem Knie wieder gut. Mal sehen, ob ich im nächsten Jahr (das wird das 25jährige Jubiläum des Gondo-Marathons) wieder den Doppelmarathon angreifen kann.