Hamburg-Marathon 26.04.2026
Mein erster Marathon seit genau einem Jahr! Genau vor einem Jahr bin ich den Spreewaldmarathon gelaufen (und sogar 3. meiner Altersklasse geworden!), danach noch zwei Halbmarathons und dann war ich über ein halbes Jahr verletzt (Knochenmarksödem in der Leiste) und konnte gar nicht mehr laufen. Der Wiedereinstieg ist mir wahnsinnig schwergefallen. In den kritischen 3 Monaten vor dem Marathon hatten wir noch ein paar schöne Urlaube geplant (in denen ich auch fast nicht trainiert habe) und ich hatte auch noch eine schwere Erkältung. Dazu kamen Probleme mit der rechten Wade.
Kurz: die Vorbereitung hätte kaum schlechter sein können. Lange Läufe: Fehlanzeige. Der Halbmarathon beim Thermenmarathon Anfang Februar und ein weiterer Halbmarathon-Trainingslauf Mitte April waren die einzigen längeren Läufe. Mir war also klar, dass diesmal wirklich nur ankommen ein realistisches Ziel war. Aufgrund meiner Trainingsläufe rechnete ich mit einer Zeit von um die fünfeinhalb Stunden (Zielschluss ist nach ca. 6 Stunden).
Es ist aber der 40. Hamburg-Marathon und mein 15. (ab 15 gehört man zum „Blue-Line-Club“) und nachdem ich schon beim 20. und 30. dabei war, musste ich das einfach schaffen. In Hamburg wurde die blaue Linie erfunden, mit der die optimale Strecke bei einem Marathonlauf auf der Straße markiert wird und die man mittlerweile bei vielen großen Marathons sieht.
Also auf nach Hamburg! Bei der Startnummernausgabe bekomme ich meinen Starterbeutel von einer netten Dame, die mir erzählt, sie hätte vor 9 Jahren mit dem Laufen aufgehört. Sie ist jetzt aber schon 84 und hat eine Bestzeit von 2:48 (natürlich aus jüngeren Jahren).
Auf der Namenswand finde ich mich auch ziemlich schnell. Aber was ist das? Ich stehe zweimal drauf. Muss ich jetzt zweimal laufen?
Natürlich ist das noch ein anderer Thomas Keller. Den Namen gibt es ja ziemlich oft in Deutschland.
War es am Vortag noch recht bewölkt und ziemlich windig und sehr kalt, ist am Marathontag ein absolutes Traumwetter. Zwar morgens auch kühl (was uns Läufern ja entgegen kommt), aber windstill und knallblauer Himmel.
Mein Lieblingsfan und ich trennen uns schon vor dem Hotel, denn Kerstin geht an die Reeperbahn vor der Davidswache und ich muss erst mal zur Messehalle B6, um meinen Beutel abzugeben und danach an den zweiten Startbereich (diesmal wurde der Start aufgeteilt: der eine Teil der Läufer (die unter 4:30 laufen) startet wie immer auf der Karolinenstraße unter dem Fernsehturm ab 8:30 Uhr und der andere Teil (also die langsameren) auf der Straße Bei den Kirchhöfen ab 9:00 Uhr.
Nachdem ich etwas später dran bin, geht es in den Messehallen relativ gemütlich zu.
So kann ich mir in aller Ruhe schon mal die Situation bei den Duschen anschauen. Es sind einzelne Duschkabinen aufgebaut, für Privatsphäre ist also gesorgt (das wäre mir allerdings auch egal – in der Beziehung hab ich schon alles erlebt).
In der Zwischenzeit sieht Kerstin bereits die schnellen Läufer auf der Reeperbahn vorbeiziehen. Wir „langsamen Läufer“ warten derweil noch auf unseren Start.
Mein letzter Hamburg-Marathon war 2023 und damals sind unsere Freunde Yvonne und René den Halbmarathon gelaufen. Diesmal trauen sie sich an den ganzen Marathon ran (ist aber nicht ihr erster) und ich mogele mich mit in ihren Startblock, um gemeinsam starten zu können, denn eigentlich wäre ich einen Block weiter hinten. Das wird hier aber auch gar nicht mehr richtig kontrolliert.
Und dann kommt endlich der Startschuss. Yvonne lässt sich rasch zurückfallen, denn sie wird den größten Teil der Strecke schnell gehen. René und ich laufen erst mal mit ca. 7 Minuten pro Kilometer los (ich hatte mir eher eine 7:20 vorgenommen, aber es geht schon noch) und passieren nach 2 km unseren ersten Treffpunkt mit Kerstin auf der Reeperbahn.
Nach knapp 4 km passieren wir das schöne schneeweiße Altonaer Rathaus und einen Kilometer später kommt schon die erste Versorgungsstelle (ab hier gibt es alle 2,5 km Wasser und alle 5 km die Komplettversorgung). Wasser wird aus Plastikbechern ausgegeben und entsprechend sieht es auf der Straße aus, denn es waren schon gaaaanz viele Läufer vor uns.
Nach Kilometer 6 geht es über die Corinthstraße an die Elbchaussee und es kommt der erste wunderbare Blick auf das Hafengebiet. Allerdings wird die Straße neu gemacht und die Elbchaussee ist diesmal eine einzige Baustelle; kilometerweit müssen wir auf Schotter laufen.
An der Wasserstelle bei Kilometer 7,5 nehme ich mein erstes Gel zu mir. Ich hab mir diesmal 4 Gels in Wasser aufgelöst und in kleine Fläschchen gefüllt, die ich an einem Hüftgurt mit mir führe und das Trinken kostet etwas Zeit. René läuft mir dabei davon, aber das ist schon ok so, denn eigentlich ist er mir etwas zu schnell.
Und so kommt René am nächsten Treffpunkt bei meinem besten Fan an den Landungsbrücken ohne mich an. Ich bin aber nur wenige Minuten dahinter. 11 km sind geschafft und es geht mir noch einigermaßen gut, auch wenn bereits meine Wade etwas zwickt. Das kann ja heiter werden!
Das Publikum ist wie immer in Hamburg Weltklasse! Heute bei dem schönen Wetter ganz besonders. Es ist auch schon ganz schön warm geworden und ich wünschte, ich hätte doch auf das Unterhemd verzichtet (ein Skins mit langen Ärmeln). Zu spät.
Weiter geht’s an der Elbphilarmonie und der Speicherstadt vorbei. Noch ein Blick auf das verspiegelte Spiegel-Haus (Achtung: Wortspiel) und dann geht es durch den langen Wallringtunnel (wo mich eine Tempoläuferin für 4:45 überholt) an die Binnenalster und über den Ballindamm an den Jungfernstieg.
Diesmal hat Kerstin es geschafft, auch an den Jungfernstieg zu kommen (ist zeitlich sonst immer etwas knapp). Sie sieht neben einem Feuerwehrmann, der in voller Montur mit Atemschutzmaske läuft, auch René und kurze Zeit später mich durchlaufen. Noch geht’s uns gut! Vorbei am Niveahaus laufen wir schließlich über die Kennedybrücke an die Außenalster. Bei dem Traumwetter sind trotzdem nur ganz wenige Segelboote auf dem Wasser, denn es ist weitgehend windstill (gut für uns!). 17 km sind geschafft.
Wir passieren das Hotel, in dem Udo Lindenberg wohnt (keine schlechte Adresse!) und laufen ein paar Kilometer an der Außenalster entlang. An den Versorgungsstellen liegt immer mehr Müll herum. Nach 2:35 erreiche ich endlich den Halbmarathonpunkt. Die Kilometerabschnitte werden nach und nach immer länger und eigentlich schmerzen die Wade und der hintere Oberschenkel ziemlich, aber immerhin schaffe ich es, einen Krampf zu verhindern. Allerdings merke ich schon, dass das heute ein ganz schwerer Kampf wird.
Aber es hilft nichts. Bei Kilometer 24 wartet wieder Kerstin, die mittlerweile Verstärkung von Cathrin bekommen hat. Die Erdingerflasche kommt vor uns durch, Michel ist auch da, aber diesmal auf dem Fahrrad und erst mal bekommt René seine heißersehnte Cola und ich dann mein Gel. Cathrin hat meine Cola in der Hand und als ich meine ausstrecke, um danach zu greifen, schaltet sie erst mal nicht und schüttelt mir stattdessen die Hand. Gelächter auf allen Seiten! Aber natürlich bekomme ich trotzdem meine Cola und kann weiter.
Trotzdem gut gemacht von den beiden!
Bei Kilometer 27 ist die zweite Wechselstelle der Staffel. Da haben René und Yvonne auch schon teilgenommen. Der Marathon wird auf 4 Streckenabschnitte aufgeteilt (erst 15 km, dann 12 km, 5 km und 10 km). Meistens sind die Staffelläufer deutlich schneller unterwegs als wir, aber es gibt auch einige, die von uns überholt werden. Es sind eben nicht nur erfahrene und gut trainierte Läufer dabei.
Kerstin und Cathrin warten bei Kilometer 30 in Ohlsdorf, das ist der nördlichste Punkt der Strecke und ab da geht es wieder zurück bis ins Ziel. Wieder sind Feuerwehrmänner in voller Montur dabei, der Wasserträger Hummel Hummel natürlich wie jedes Jahr auch (er ist ein Däne!), mit Manfred ein Mitglied des 100-Marathon-Clubs, den ich später auch noch treffe und der gar nicht mehr gut zu Fuß ist (er wird es aber noch in 6:08:27 schaffen) und zwei Barfußläufer aus Brasilien, die ich später auch noch überholen werde (sie kommen in 5:41:53 ins Ziel).
Ich sehe nicht mehr ganz frisch aus, kann aber immer noch lachen.
Auf der weiteren Strecke habe ich keine Lust mehr zu fotografieren, denn ich habe genug mit mir zu tun. Laufen und Gehen wechseln sich jetzt immer mehr ab (frei nach dem Motto „Laufen bis es nicht mehr geht, dann Gehen bis es wieder läuft“). Kerstin und Cathrin stehen noch bei Kilometer 37 kurz vor dem Klosterstern, aber ich hab keine Lust mehr auf Gel und Cola und laufe direkt weiter. Diesmal gibt es auch ausreichend Cola an den Versorgungsstellen, womit ich eigentlich gar nicht gerechnet hatte.
Die Stimmung ist der Wahnsinn! In diesem Jahr starten die Halbmarathonläufer erst um 14 Uhr und daher sind auch jetzt noch ganz viele Zuschauer da. Den wunderschönen Abschnitt an die Außenalster bei Rotherbaum kann ich nicht wirklich genießen. Bei Kilometer 40 (endlich!!) gibt es noch ein letztes Gel, Wasser und Cola und dann nehme ich den letzten Anstieg am Gorch-Fock-Wall in Angriff. Drei kurze Gehpausen brauche ich, um hier hochzukommen.
Schließlich geht es auf die Zielgerade und über den roten Teppich ins Ziel. Meine Nettozeit ist 5:28:55 – immerhin noch unter 5:30 geblieben, wobei mir das heute völlig egal ist. Ich hab’s geschafft und nur das zählt.
Kerstin konnte ich nirgendwo entdecken, weil sie mit Cathrin schon hinters Ziel gegangen ist und dort nach mir Ausschau hält. Ich gebe meinen Gürtel ab und gehe in den Innenbereich der Messe, um meine hart erkämpfte Medaille in Empfang zu nehmen.
Die Halbmarathonmedaillen hängen alle noch da. Der erste Halbmarathoni kommt erst in etwa 35 Minuten an.
Ich hole mir ein Erdinger Grapefruit Alkoholfrei und dann meinen Kleiderbeutel und gehe zu den Duschen, wo ich René treffe. Er hatte mit Krämpfen zu tun, hat es aber noch in 5:18:31 geschafft, also etwa 10 Minuten schneller als ich. Leider erfahren wir, dass Yvonne es nicht geschafft hat; sie wurde bei Kilometer 32 praktisch von der Strecke verwiesen, was nicht so nett war. Da könnte die Organisation ruhig etwas großzügiger sein, denn eine 6:15 wäre bei ihr auch noch drin gewesen.
Damit wäre mein 15. Hamburg-Marathon geschafft. Zum 40. Jubiläum gibt es eine große und schwere Medaille, auf der alle Sieger (und auf der Rückseite alle Siegerinnen) der bisherigen 39 Marathons eingraviert sind. Eine schöne Idee.
Abends schlagen wir uns im Schanzenviertel noch die Bäuche voll, zusammen mit Yvonne, René und Cathrin. Am Nachbartisch sitzt Max Giesinger. Und vielleicht ist Wincent Weiss auch dort irgendwo, denn der ist heute seinen ersten Marathon gelaufen, mit 4:03:35 hat er exakt so lange gebraucht wie ich bei meinem ersten Marathon 1999 in Berlin.